Humboldt-Universitäts-Gesellschaft

Verein der Freunde, der Ehemaligen und Förderer e. V.

Protokolle und Jahresberichte

Dr. Nikolaus Breuel, Vorsitzender des Vorstandes der Humboldt-Universitäts-Gesellschaft

Rede anlässlich der Einweihung der Kunstinstallation im Hauptfoyer der Humboldt-Universität zu Berlin, am 12. Oktober 2009

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, verehrte Gäste, liebe Freunde,

meines Erachtens können wir uns heute darüber freuen, wie diese Universität mit dem Erbe der Geschichte umgeht. Nicht nur versucht sie, die Gründungsideen Wilhelm von Humboldts mit aktuellen Herausforderungen zu verbinden und daraus ihre Position für die Zukunft abzuleiten. Auch ganz materiell, baulich-künstlerisch, verbindet die Universität zu ihrem 200-jährigen Jubiläum hier in ihrem Foyer Vergangenheit und Zukunft zu etwas Neuem. Es ist ein Umgang mit dem historischen Erbe, der von dem Bewusstsein der Verantwortung getragen ist.

Das Medium, das uns hierzu verhilft, ist das von Ceal Floyer geschaffene Kunstwerk. Der Künstlerin gelingt es, ein sehr populäres Zitat von Karl Marx ins 21. Jahrhundert zu transportieren. Das Zitat wurde ursprünglich 1953 aus Anlass des 130. Geburtstages von Marx in Messinglettern auf diesem roten Marmor angebracht. Seitdem stand es weniger für Karl Marx selbst als vielmehr für die Macht der SED, für deren Interpretationshoheit über das Werk des Philosophen und damit auch für das offizielle Philosophieverständnis in der DDR.

Wenige Jahre nach der Wiedervereinigung gab es eine heftige inneruniversitäre, aber auch öffentliche Debatte darüber, ob das Zitat bleiben oder entfernt werden sollte. 1992 lehnte das Universitätskonzil eine sofortige Entfernung mit einer recht knappen Mehrheit ab. Schließlich war das Zitat 1995 Anlass für eine Ringvorlesung an der Humboldt-Universität, bei der Philosophen über die historische und aktuelle Bedeutung des Zitats laut nachdachten. Es gab auch Überlegungen, ein Zitat Wilhelm von Humboldts an seine Stelle setzen – darauf komme ich später noch einmal zurück. Letztendlich aber stellte die Berliner Senatsverwaltung das Foyer unter Denkmalschutz, so dass das Zitat nicht einfach durch ein anderes ersetzt werden konnte.

Was hat die Humboldt-Universitätsgesellschaft mit diesem Anlass zu tun? Sie ist angetreten, die Universität bei der Erreichung ihrer Ziele zu unterstützen; die Universität zu begleiten und zu fördern auf dem Weg zu einer internationalen Spitzenuniversität. Auf die Entwicklung der Universität kommt es an, denn durch Bildung entstehen Zukunftschancen. Hier Ideen umzusetzen, das braucht Leidenschaft, Expertise, Erfahrung und Wissen – aber es kostet eben auch Geld. Wir denken, dass wir uns auf diesem so wichtigen Feld nicht nur auf staatliche Unterstützung verlassen sollten und wollen deshalb als Bürger Verantwortung übernehmen.

Aber warum ist uns als Humboldt-Universitätsgesellschaft gerade dieses Kunstwerk ein Anliegen? Um sich das vor Augen zu führen, stellt man sich am besten vor, was ein Betrachter denken und fühlen würde, wenn das Marx-Zitat Anfang der neunziger Jahre mit einem anderen Zitat überschrieben worden wäre. Die Konzilskommission machte damals den Vorschlag, ein Zitat von Wilhelm von Humboldt zu verwenden. Richard Schröder erwähnt es in dem Buch zur damaligen Ringvorlesung. Es lautet folgendermaßen:

(…) zu thun ist, die Fruchtbarkeit zu neuen, lebendigen geistigen Erzeugnissen immer zu erhalten, entgegen zu arbeiten, allem Todten und Mechanischen.“

Ich glaube, die Kommission hat damals tatsächlich ein passendes Zitat ausgewählt. Aber ich glaube auch, dass wir dem Gedanken, den Humboldt hier zum Ausdruck bringt, nämlich die Welt als etwas Lebendiges zu begreifen, gegen den geistigen Stillstand zu arbeiten, in diesem Moment sehr nahe sind; sehr viel näher, als wenn das Marx-Zitat einfach überschrieben worden wäre. Denn heute erweckt die Künstlerin das Marx-Zitat zu neuem Leben.

Wir bekommen als Betrachter nicht einfach etwas vorgesetzt – genau das wäre aber passiert, hätte man das Marx-Zitat durch ein politisch genehmeres Zitat ersetzt. Die Künstlerin fordert mit ihrer Kontextualisierung dazu auf, die Worte von Marx nicht einfach hinzunehmen, nicht voreilig darüber zu urteilen, sie nicht zu instrumentalisieren oder das Zitat gar vor den eigenen Karren zu spannen. Ceal Floyer schafft es, die Verantwortung für die Interpretation des Zitats auf den Betrachter zu übertragen – nicht drängend, sondern behutsam, spielerisch und mit einem ironischen Unterton. Und meines Erachtens ist es genau diese Fähigkeit zur Interpretation, die Schule und Universität vermitteln sollten.

Eine Gesellschaft, die Bildung so versteht, ist auch eine Heimat für mündige Bürger. Bürger, die ihre Verantwortung für sich und die Gesellschaft ernst nehmen. Sie überlassen die Interpretationsarbeit niemandem – keiner Partei, keiner Regierung und keinem selbsternannten Anführer. Sie bemühen sich zu verstehen, sie übernehmen das Interpretieren selbst und beziehen eine eigene Position.

Der Besucher ist in diesem Foyer dazu aufgerufen, Geschichte selbst zu bewerten. Dies setzt Vertrauen in die eigenständige Verantwortlichkeit des Menschen voraus. Diese Haltung entspricht auch unserem Selbstverständnis als Mitglieder der Humboldt-Universitätsgesellschaft. Jede Form von bürgerschaftlichem Engagement ist auf diese mündigen Bürger angewiesen.

In diesem Moment gilt der Dank der Humboldt-Universitätsgesellschaft auch ihrem Ehrenvorsitzenden Professor Hartwig Piepenbrock. Er wirkte acht Jahre lang als unser Vorstandsvorsitzender. Er hat viele Unterstützer für die Universität gewinnen können und auch die Finanzierung dieses Kunstwerks ermöglicht. Er gehörte der Jury an, die sich einstimmig für die Arbeit von Ceal Floyer entschieden hat. Und wir haben es auch dem Kunstmäzen Hartwig Piepenbrock, seiner Kunstkennerschaft und seinen guten Kontakten in die Kunstszene zu verdanken, dass wir heute dieses kluge und zugleich schöne Werk der Öffentlichkeit übergeben können.

Wir wünschen der Humboldt-Universität weiterhin eine gute Entwicklung. Vielleicht kann dieses Kunstwerk ein wenig dazu beitragen, offen mit Vergangenheit und Zukunft umzugehen und so die eigene Position im Sinne Humboldts weiter zu entwickeln.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Eine angeschlagene These“, Akademie-Verlag, 1996, S. 127. Das Zitat von Wilhelm von Humboldt stammt aus: Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, Hrsg.: Wilhelm von Humboldt. Werke Bd. 3, S. 354.

 

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