Humboldt-Universitäts-Gesellschaft

Verein der Freunde, der Ehemaligen und Förderer e. V.

Projekt: Kunst im Foyer

»Es geht um Missverhältnisse zwischen dem sichtbaren Objekt und dessen Bezeichnung.«

Ceal Floyers Kunst: Ein trojanisches Pferd für Ideen

KUNST IM FOYER – EINE KUNSTINSTALLATION VON CEAL FLOYER IM FOYER DER HUMBOLDTUNIVERSITÄT ZU BERLIN
ERÖFFNUNG: 12. OKTOBER 2009

Ceal Floyer (Jg. 1968) wurde im Rahmen eines beschränkten Wettbewerbs unter vier Bewerbern ausgewählt, das im zweiten Weltkrieg stark zerstörte und in den 1950er Jahren wieder aufgebaute Foyer im Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Installation zu gestalten. Der dreiläufige Treppenaufgang wird bis heute von Karl Marx’ 11. Feuerbachthese in goldenen Lettern dominiert: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.«

Die in Berlin lebende Künstlerin blickt bereits auf zahlreiche internationale Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen zurück. Sie überzeugte die Fachjury – bestehend aus Ulrike Brandi, Horst Bredekamp, Regula Lüscher, Thomas Schmidt, Hartwig Piepenbrock und Peter Weibel – mit ihrer reduzierten Formengrammatik sowie mit ihrem tiefen Interesse an dem Nichtsichtbaren und an dem Unausgesprochenen. Floyer hat sich nicht politisch, wissenschaftlich oder philosophisch mit dem Marx-Zitat auseinander gesetzt, sondern kontextualisiert das Zitat und den Raum künstlerisch. Sie zeichnet ein neues Bild des denkmalgeschützten Foyers.

Ceal Floyer konzipiert Lichtprojektionen, Videos, Audiostücke, Installationen und fertigt Papierarbeiten und Fotografien an, die stets bestimmte Assoziationen wecken. Es geht um Missverhältnisse zwischen dem sichtbaren Objekt und dessen Bezeichnung. Die Künstlerin arbeitet formal mit sehr reduzierten Elementen, die aber alle sichtbar sein sollen und dadurch Erwartungen provozieren. Bucket (1999), ein Werk zwischen Audiostück und Skulptur, zeigt einen einfachen Eimer, in dem sich ein CD-Spieler mit Lautsprecher befindet. Das Stromkabel führt aus dem Eimer heraus und endet in einem Bodenanschluss. Dann ertönt im Raum das Geräusch des Wassertropfens. Intuitiv blickt der Betrachter nach oben, sucht das Leck in der Decke, wird es jedoch nicht finden. Ceal Floyer zeigt uns ein Bild, und wir erwarten das Nichtvorhandene. Ebenso in der Installation Scale
(2007), die sie anlässlich der Ausstellung für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst realisierte. Die Künstlerin montierte 24 Lautsprecher wie eine Treppe an der Wand des Raumes. Aus jedem Lautsprecher war ein leicht verzerrtes Trittgeräusch zu hören. Es war nur ein Geräusch, mehr nicht.

Kunst im Foyer - Ceal Floyer - Humboldt-Universität-Berlin
Foto: Roman März


Größere Darstellung

 

Die Installation von Ceal Floyer für das Hauptfoyer der Humboldt-Universität zu Berlin Unter den Linden trägt den Titel »Vorsicht Stufe!«. Die Künstlerin hat eine Vielzahl von identischen Messingschildern mit dieser Aufschrift anfertigen lassen und montiert diese auf jeden einzelnen der 56 Stufenabsätze des Treppenantritts und der zwei Treppenarme. Es handelt sich um gewöhnliche Warnschilder aus Messing in reduzierter Form, die uns aus alltäglichen Gewohnheiten beim Durchschreiten von Gebäuden bekannt sind. Das verborgende Potential liegt bei Ceal Floyers Installation nicht in dem einzelnen Warnschild, sondern in der Wahrnehmung der durch die Begriffsreihung erzeugten Situation.

Vom Foyer aus betrachtet scheinen sich diese Schilder bis ins Unendliche fortzusetzen. Es entstehen seltsame Achsenbezüge im Raumgefüge des von rotem Marmor und DDR-Design dominierten denkmalgeschützten Foyers. Genau in dieser Irritation und in der Frage nach der Gefahr, auf die hier aufmerksam gemacht wird, verbirgt sich erst die Gefahr des Stolperns – physisch und gedanklich. Sie kehrt die Tatsächlichkeit des einzelnen Schildes im täglichen Gebrauch dieser Warnschilder um, banalisiert sie und entkräftet so deren eigentliche Funktionalität. Humorvoll geht die Britin dabei auch mit dem deutschen Ordnungssinn und der DIN-Norm um, nach der Warnungen im öffentlichen Raum reglementiert werden. Ceal Floyer erzählt diese Geschichte jedoch nicht selbst. Sie spielt lediglich mit den Erwartungen des Betrachters. Am Ende steht ein freier Umgang mit der Intervention – ästhetisches Raumerlebnis, Provokation oder Warnung vor Raum und Zitat? Das muss jeder der Foyerpassanten selbst erfahren.

Text: Anke Hervol

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